Herr Trenin, eine Lösung der Krise in der Ukraine scheint möglich, ein Ende der Gewalt.
Es ist eine Hoffnung. Doch wir müssen uns auf eine lange Phase der Instabilität einrichten. Denn jetzt werden Politiker in Kiew und in den Regionen sowie die Oligarchen um die Macht kämpfen – über die Präsidentschaftswahlen im Mai hinaus.
Kann Julija Timoschenko einen demokratischen Wandel schaffen?
Zweifellos ist sie politisch begabter und durchsetzungsfähiger als ihre Konkurrenten oder Verbündeten. Auch Wladimir Putin kann gut mit ihr – sicher ein Vorteil. Doch zumindest im Moment ist es fraglich, ob die Ukrainer ihre autoritäre Regierungsform akzeptieren würden – nachdem sie gerade die nur halbautoritäre Regierung Janukowitschs abgesetzt haben.Weil auch Julija Timoschenko Teil der alten Machtelite ist?
Das eigentliche Problem der Ukraine bleibt seit der Unabhängigkeit 1991 ungelöst. Die Machthaber versäumten es, aus dem komplizierten Gebilde Ukraine einen Nationalstaat zu errichten, eine gemeinsame Identität zu schaffen. Und jetzt eskalieren drei innenpolitische Krisen gleichzeitig: der politische Protest gegen die unvorstellbare Korruption. Zugleich kämpfen die Oligarchen und ihre Clans untereinander um Einfluss. Vor allem aber: Die Ukraine besteht aus mindestens zwei unterschiedlichen Ländern. Die tiefe kulturelle Kluft ist noch nicht einmal ansatzweise überwunden. Nach wie vor droht ein Zerfall des Landes.
Putin wollte die „Eurasische Union“. Die Ukraine sollte seine Pufferzone gegen den Westen werden.
Dieses sogenannte Integrationsprojekt ist schädlich auch für Russland, eine gigantische finanzielle und politische Bürde. Putin mag eine verzerrte, fast romantisierende Sicht auf das ukrainische „Brudervolk“ haben. Aber zugleich versteht er: Eine instabile Ukraine zieht Russland in eine gefährliche geopolitische Auseinandersetzung mit dem Westen. Putin will wegen der Ukraine keinen neuen kalten Krieg riskieren. Jetzt wartet er ab, wird versuchen, den russischen Einfluss in den Regionen zu verstärken. Aber auch im Kreml weiß man, dass die Ukraine früher oder später Richtung Europa gehen wird. In Wahrheit gibt es kein Zurück.
Europa hat ein Assoziierungsabkommen angeboten, den Weg in die EU.
Europas Politiker waren gedankenlos. Ein Abkommen, allgemeine Reformforderungen, das klang gut. Damit konnte man sich komfortabel einrichten. Über die wahren politischen, ökonomischen und sozialen Folgen solcher Reformen für die Ukraine dachte in Europa niemand nach.
Und jetzt soll es Europa richten?
Europa muss es jetzt richten. Die Probleme der neuen Mächtigen in der Ukraine sind nun auch Europas Probleme. Und als Europas faktische Großmacht spielt Deutschland dabei eine entscheidende Rolle. Deutschland kann sich nicht mehr abwenden, muss auch auf finanzielle Hilfe drängen. Vor allem aber muss man dem Land Zeit geben, endlich zur Ruhe zu kommen. Denn letztlich muss die Ukraine ihren Weg zum inneren Frieden alleine finden.
Das Interview wurde ursprünglich im Stern Magazin veröffentlicht.